Porträt: Erich Marks, Hannover

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Erich Marks ist einer der wichtigsten Figuren in deutscher Präventionspolitik, und langjähriges Mitglied im Vorstand des Europäischen Forums für urbane Sicherheit.
Ausgestattet mit einem Abschluss in Erziehungswissenschaften der Universität Bielefeld, hat Erich Marks über mehr als 20 Jahre zahlreiche Aktivitäten in Jugendarbeit und Kriminalprävention verfolgt. Den meisten in Deutschland ist er bekannt als das Gesicht des Deutschen Präventionstags (DPT), der einmal im Jahr stattfindet. Erich Marks ist ein engagierter Organisator und exzellenter Netzwerker für den Erfolg dieses grössten Präventionskongresses in Europa. In einem weiteren Hauptamt zeichnet er verantwortlich für die Koordination des Landespräventionsrats Niedersachsen (LPR), deren Geschäftsführer er seit vielen Jahren ist.
Auf internationaler Ebene ist Erich Marks Mitglied des Vorstands des International Centre for the Prevention of Crime (ICPC) in Montreal, sowie der Stiftung Pro-Kind.

Erich Marks nahm zuerst zu Beginn der 1990er Jahre Kontakt zum EFUS auf, und zwar im Kontext des ICPC. Seither hat er als aktives Mitglied des Vorstands die Ausrichtung und Aktivitäten des Forums mitgestaltet. Er sagt über das Forum: „Ich war immer besonders beeindruckt vom starken Engagement und der Professionalität, die in stabilen persönlichen und institutionellen Kontakten dieses Netzwerks zu europäischer Kriminalprävention begründet liegt.“
EFUS unterhielt sich mit Erich Marks über seine Sicht auf die deutsche und internationale Präventionsarbeit.
EFUS: Wie arbeiten Sie mit anderen Partnern auf der lokalen Ebene zusammen?
Erich Marks: Im Landespräventionsrat Niedersachsen sind über 250 Organisationen als Mitglieder versammelt, insbesondere kommunale Präventionsgremien und Fördervereine sowie Ministerien, landesweite Verbände und wissenschaftliche Einrichtungen. In der konkreten Zusammenarbeit aller Beteiligten sind, insbesondere unter subsidiären Gesichtspunkten, klare Absprachen und Arbeitsteilungen sowie eine wechselseitige Akzeptanz der jeweils anderen Zuständigkeiten und „Fachlichkeiten“ bedeutsam.

Welche Herausforderungen stellen sich aktuell für die deutsche Präventionsarbeit?
Auch in Deutschland sprechen wir sehr selbstverständlich von einer “gesamtgesellschaftlichen Kriminalprävention” und somit von der Notwendigkeit einer aktiven Beteiligung von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren sowie verschiedener Disziplinen und Ressorts. Und dennoch erscheint die Entwicklung von einer “versäulten” hin zu einer “vernetzten” Zusammenarbeit noch nicht ausreichend entwickelt. Eine weitere aktuelle Herausforderung ist die Etablierung einer stärkeren Orientierung der Kriminalprävention an Evaluation, Standards und Qualitätsmanagement.
Welchen persönlichen Zugang haben Sie zur Präventionsarbeit? Mit welcher Überzeugung betreiben Sie kommunale Präventionsarbeit?
Dies möchte ich mit einem Zitat von Antoine de Saint Exupery beantworten: “Wenn du ein Schiff bauen willst, musst du keine Aufgaben verteilen, Anweisungen geben, und Menschen sagen wie sie die Planken zusammen zu fügen haben. Wecke vielmehr in ihnen die Sehnsucht nach dem weiten, offenen Meer.“ In Anwendung auf Sicherheit und Prävention in einer Kommune heißt dies, es muss neben vielem guten Handwerkszeug auch einen stetigen Diskurs darüber geben, wie die Menschen vor Ort miteinander leben wollen. In der Bürgerschaft müssen moderne Diskurs-Formate entwickelt werden. Dabei sind stets neu nicht nur die zu vermeidenden Ereignisse, sondern insbesondere die angestrebten und anzustrebenden Lebensumstände zu erörtern. So betrachtet ist und bleibt Prävention eine Haltung und ein permanenter Entwicklungs- und Lernprozess von Individuen, Gruppen und der ganzen Gesellschaft.

Welche Überlegungen haben Sie dazu bewogen, das Beccaria-Projekt zu starten?

Inzwischen geht es nicht mehr um die Frage nach dem “ob” sondern um die Frage nach dem “wie” in der Kriminalprävention. Fragen nach Effektivität (tuen wir das Richtige) und Effizienz (tuen wir das Richtige richtig) halten auch in dieses Arbeitsfeld zunehmend Einzug.

Welche Umstände haben zur Einrichtung dieses Projekts geführt?
Im Jahre 2003 hat der Landespräventionsrat Niedersachsen mit dem Beccaria-Programm eine Qualitätsoffensive gestartet. Das Programm wurde gefördert aus AGIS-Mitteln der Europäischen Union und zu der Gruppe der  europäischen Partnerorganisationen gehört auch das EFUS.

Was sind die positiven Aspekte in kommunaler Präventionsarbeit, die sie am meisten begeistert haben?
Die Unterschiedlichkeit und Vielfalt kommunaler Präventionskonzepte. Es gibt eine Reihe von generellen und grundsätzlichen Erkenntnissen und Empfehlungen für eine wissensbasierte und wirksame Präventionsarbeit. Und dennoch ist es erforderlich, dass jede Kommune ihr ganz spezifisches und unverwechselbar eigenes Präventionskonzept entwickelt und pflegt: jede Kommune bedarf also einer eigenen Präventionskultur.

Was ist für Sie das grösste Hindernis auf dem Weg zu besserer kommunaler Sicherheit?
Eine pauschale   Zuschreibung von Zuständigkeiten für Projekte und Programme der Kriminalprävention auf ledigliche einzelne Institutionen sowie eine Überbewertung von Maßnahmen der technischen Kriminalprävention. Public Private Partnerschip in der Kriminalprävention funktioniert nur durch eine Ergänzung der Orientierungen von „bottom up“ und „top down“.

Welche Ratschläge würden Sie europäischen Partnern aus Ihrem Erfahrungsschatz mitteilen wollen?
Möglichst oft global im Sinne von europäisch/international denken und planen und auf dieser Basis lokal handeln. Die konkreten Präventionsprojekte in einer kleinen Stadt sind – durchaus positiverweise – heute nur noch einige Mausklicke im Internet und wenige Einträge in einschlägigen Datenbanken voneinander entfernt.

Was ist die beste Geschichte, die Sie im Laufe Ihrer Karriere erlebt haben?
Es ist weniger eine konkrete Geschichte sondern es sind die vielen Geschichten, die sich im Verlauf vieler Jahre ansammeln. Am stärksten berührt haben mich die zahlreichen innigen und teilweise seit Jahrzehnten bestehenden Freundschaften, die sich aus verschiedenen beruflichen und nebenberuflichen Zusammenhängen entwickelt haben und mich nachdrücklich geprägt haben und prägen.

2008-03-20

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